Jürg Roth
Freitag, 31. Juli 2026, 07:15 Uhr: Die nächste gemeinsame Fahrt mit Olga, Oksana und Sasha führt uns im Verlauf der nächsten 6 Stunden in die Region Odessa. Wie bei jeder Fahrt geniesse ich stets die überwältigende Natur in diesem Land. Heute sind es die die riesigen gelb leuchtenden Sonnenblumenfelder. Daneben wirken die saftig grünen Wälder fast schon fad.
Kurz nach 13 Uhr erreichen wir nahe der Grossstadt Odessa das Heim Krasnosilskyi in einem beschaulichen Quartier von Ilichenka Village. Petro Senyshyn, der Direktor des Heims für physisch und psychisch behinderte Frauen und Mädchen, heisst uns herzlich willkommen. Er dankt uns für die ersehnte und zweifellos wichtige Hilfe für seine behinderten Schützlinge. Olga und ich erklären Petro, dass die gesamten Hilfsgüter von unserem lieben Freund Manfred Hunziker aus der Schweiz gespendet wurden. Manfred ist ein guter Freund aus längst vergangenen Schulzeiten, mit einem grossen Herz für notleidende Menschen. Seit Kriegsausbruch denkt Manfred an die Bevölkerung der Ukraine und hat uns schon mehrfach seine grosse Hilfe zukommen lassen. Bei diesen Worten drückt Petro seine rechte Hand auf sein Herz, verneigt sich leicht und dankt auf diese eindrückliche Weise dem grossen Spender und zeigt ihm damit auch seine Achtung und seinen Respekt. Gleichzeitig kommen einige der jungen Frauen und Mädchen aus dem Haus und verfolgen mit neugierigen Blicken das Geschehen. Als ich diese jungen Menschen mit ihren Behinderungen sehe, wird mit sofort klar, dass Manfred die richtige Wahl getroffen hat. Diese bemitleidenswerten Frauen und Mädchen verdienen unsere Hilfe.
Trotz Sirenenalarm beginnen wir mit der Verteilung der Hilfsgüter. Niemand scheint sich um diese Warnung zu kümmern, die Menschen haben sich bereits daran gewöhnt. Alle wollen mithelfen, die mitgebrachten Geschenke vor dem Eingang zu stapeln. Es dauerte nicht lange, bis wir zahlreiche dumpfe Explosionen hören; wahrscheinlich haben Drohnen und Raketen im Hafengebiet von Odessa einschlagen. Das Grollen wirkt für uns von VMD unheimlich, die Menschen hier jedoch ist der Krieg Alltag. Ganz unerwartet donnert ein ukrainisches Jagdflugzeug über unsere Köpfe hinweg. Danach kehrt endlich wieder Ruhe ein, und wir können unsere Arbeit zu Ende bringen.
Anschliessend bittet uns Petro zu einem Rundgang durch das Heim. Auch im Innern bekomme einen guten Eindruck der bescheiden einfachen Räumlichkeiten. Alles ist sauber und überall herrscht Ordnung. In den ersten zwei Zimmern sitzen Frauen und Mädchen an Tischen. Einige zeichnen oder besser kribbeln auf einem Blatt Papier, andere blättern beliebig in Kinderbüchern, ohne wirklich auf den Inhalt zu achten. In jedem Raum stehen mindestens zwei Helferinnen bereit, jederzeit den Schützlingen beizustehen oder ihnen Anweisungen zu geben. Allenthalben herrscht eine sehr angenehme Stimmung, keine lauten Worte und keine befehlenden Anweisungen der zahlreichen Helferinnen, alle im Alter zwischen 50 und 70 Jahren. Es sind hilfswillige Frauen aus der Region. Wahrscheinlich hat kaum eine dieser Helferinnen eine entsprechende Ausbildung. Einfühlungsvermögen und Zuneigung der Betreuerinnen spiegeln sich in den zufriedenen Gesichtern der Patientinnen wider.
Dann führt uns Petro in einen weiteren Saal. In vier Betten liegen die meist sehr jun-gen Mädchen, alle sind physisch wie auch psychisch schwer behindert. Der Anblick dieser bemitleidenswerten und hilflosen Menschen, ist kaum zu ertragen. Ich bin schlicht und einfach sprachlos und geschockt. In diesem Moment denke ich an Manfred und sage ihm im Stillen, dass er zweifelsohne eine gute Wahl getroffen hat. Seit Kriegsbeginn wurde die staatliche Unterstützung für die Institution gekürzt, womit eine Weiterführung ohne private Spenden nicht denkbar wäre. Auch im nächsten Saal liegen junge Mädchen mit schweren physischen und psychischen Behinderungen völlig teilnahmslos in ihren Betten. Eine Helferin erklärt Olga, dass die von uns mitgebrachte therapeutische Kraftnahrung einzig für diese Patientinnen bestimmt sei.
Auch Olga und Oksana sind mitgenommen von den gewonnenen Eindrücken. Petro überreicht Olga zum Abschied eine Urkunde des Dankes an die VMD-Stiftung. Der Abschied an sich ist bei solchen Anlässen meistens schnell und emotionslos.
Vor der Rückfahrt entspannen gönnen wir uns eine kurze Pause. An der nächsten Tankstelle besorgen wir Getränke und Esswaren zum Knabbern. Nach einer knappen halben Stunde der Entspannung ganz in der Nähe des Schwarzen Meers treten wir die lange Heimreise an und treffen gegen 23.30 Uhr wohlbehalten in Vinnytsa ein. Sasha hat sich einmal mehr bewährt als «bester Fahrer».

Von links nach rechts: Sasha, Petro Senyshyn, Olga, Oksana, Jürg