Jürg Roth
In der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 2026 starteten wir um 01:30 Uhr zu unserer nächsten Hilfsaktion nach Sumy. Zumal wir auf eine Übernachtung in Sumy verzichteten und die Übergabe der Hilfsgüter schnellstmöglich abwickeln wollten, brauchten wir einen zweiten Fahrer. Volodymyro war eine sehr gute Wahl; er ist ebenfalls ein höchst professionell zuverlässiger Fahrer.
Die Hinreise führte uns über Schytomer, Kiew, Poltava, Trostianets nach Sumy. Ab Trostianets fuhren wir während rund 10 km unter einem Anti-Drohnennetz. In Kürze soll diese gefährliche Strecke von 56 km ganz überdeckt sein. Die lang erscheinende Fahrt unter den Nylon Netzen ist gewöhnungsbedürftig. Das Wissen um einen der gefährlichsten Strassenabschnitte in der Ukraine trägt nicht unbedingt zum Wohlbefinden bei. Auf diesem Streckenabschnitt gab es zahlreiche Kontrollen durch die Armee und Polizei. Die letzte Kontrolle vor Sumy erwies sich als äusserst intensiv. Wir wurden alle ins Buero des Kommandanten geführt, wo wir unsere Pässe und die Telefone übergeben mussten. Selbst mein Handy wurde peinlich genau untersucht. Der Kommandant war sehr höflich und äusserst professionell, sprach fliessend Englisch und erklärte uns sein Vorgehen mit den Handys. Alle unsere Telefone wurden auf mögliche Kontakte zu Russland oder Belarus untersucht. Spätestens nach dieser akribischen Kontrolle hatte ich das Gefühl, mich in einem eigentlichen Kriegsgebiet zu befinden - viele Militärfahrzeuge und viel Polizei, Stacheldraht mitten in der Stadt, Schützengräben und sogar Panzersperren. Ansonsten sah alles friedlich aus. Junge Menschen versammelten sich in einem kleinen Park, spielten Musik und tratschten. Nichts schien darauf hinzudeuten, dass die russische Front kaum 45 km östlich verlief. Hier prallen die Gegensätze aufeinander, wie man es selten sieht.
Einige Hundert Meter entfernt begrüsst uns Olgas langjährige Freundin Lika. Sogleich fahren wir zu einem nahegelegenen Schulhaus in einem unscheinbaren Quartier. Dort entladen wir unter Aufsicht von Lika die ersten Hilfsgüter, es sind verschiedene Hygieneartikel und Schulmaterial. Danach führt uns Lika ins Quartier ihrer Stiftung «Ukraine does not surrender», wo wir die restlichen Hilfsgüter abladen und im Depot verstauen. Zum ersten Mal verteilen wir die Hilfsgüter nicht selbst an die Bedürftigen, aus Sicherheitsgründen wollte Olga Sumy so schnell wie möglich wieder verlassen. Es war keine leichte Entscheidung, denn bis anhin legten wir grössten Wert darauf, den Bedürftigen die mitgebrachten Hilfsgüter selbst zu übergeben. Einzig die Tatsache, dass wir die Verantwortlichen der lokalen Stiftung gut kennen und unser volles Ve-trauen geniessen, haben wir uns zu dieser Ausnahme zu entschieden.
Einen speziellen Dank richte ich an dieser Stelle, auch im Namen der VINNITSA MIT DIR STIFTUNG, an Herr Thierry Kneissler und seine Gattin Kathrin Lanz. Aus Anlass seines 55. Geburtstags hat er spontan auf Geschenke von seiner Familie und Freunden verzichtet und hat ein Spendenkonto zu Gunsten der URS LANZ UKRAINE-STIFTUNG eröffnet. Eine wirklich noble Geste. Mit dieser Geburtstagsspende von rund CHF 4'000 konnte mehr als ein Drittel der gesamten Hilfsaktion unseres Projekts in Sumy, einer schwer geprüften Stadt nahe der russischen Grenze, finanziert werden.
Inzwischen ist es bereits 17 Uhr. Alexander und seine Frau Ira als Mitverantwortliche für Likas Stiftung laden uns zu einem bescheidenen Abendessen ein. Tomaten, Kartoffeln, Gurken, Salami, Käse und Brot finden nach der anstrengenden Fahrt und der Verteilung der Hilfsgüter grossen Anklang. Wie in Mykolaiv bei den Kulbakino-Frauen herrscht auch hier in Sumy eine ausnehmend angenehme und wohltuende Stimmung. Leider musste sich Lika noch vor unserem Abendessen verabschieden und zurück nach Chernihiv fahren. Bei den aktuellen Strassen sind dafür rund 5 Stunden Fahrzeit notwendig. Ich habe grössten Respekt vor ihr und bewundere Lika.
Wie bei ähnlichen Gelegenheiten wird kaum über den Krieg gesprochen, man möchte sich mit Freunden entspannen, ausruhen und auf andere Gedanken kommen. Nach dem Abendessen laden uns Alexander und Ira zu einem kurzen Rundgang durch das Quartier ein. Wir kommen an einigen stattlichen Gebäuden vorbei, die alle durch Drohnen und Raketen schwer beschädigt wurden. Kurz nach 19 Uhr brechen wir zur langen Heimfahrt von rund 800 km auf, diesmal jedoch nicht über Poltava, sondern auf direkterem Weg via Romny und Priluky nach Kiew. Die Strassensperre bei Romny, wo wir vor Jahresfrist während über 3 Stunden bei einer Kontrolle aufgehalten wurden, ist inzwischen von russischen Raketen vollständig zerstört worden. Vor Kiew können wir die ukrainische Drohnenabwehr beobachten. Während Drohnen für unser Auge in der Nacht praktisch unsichtbar sind, leuchten die Abwehrraketen hell auf. Um 03:30 Uhr kommen wir erschöpft, aber wohlbehalten in Vinnitsa an.
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