Hier spenden:

Pervomaysk, 18. März 2026

Jürg Roth

In der Nacht vom 17. auf den 18. März 2026 macht sich unser bewährtes Team mit Olga, Oksana, Sasha und mir auf einen langen Weg von rund 800 km und kommen gegen 14 Uhr in Pervomaysk, Region Charkiw an. Die Strassen sind durch den aussergewöhnlich kalten Winter teilweise arg beschädigt, was die Reisezeit deutlich verlängerte. Wir beziehen das Hotel und warten auf Olga Grimova, Ärztin und Direktorin des Spitals. Am späteren Nachmittag deponieren wir unsere Hilfsgüter im Spital.

Bei der anschliessenden Führung von Olga durch das Spital wird mir bewusst, wie ärmlich und teilweise in bedenklichem Zustand sich das Spital befindet und wie dringend das Spital auf die verschiedenen mitgebrachten Hygieneartikel angewiesen ist. Die Region Charkiw liegt nahe an der Kriegsfront; es ist eine andere Welt. Selbst in Vinnyzja sehen die Spitäler besser und moderner aus. In einem Krankenzimmer von 20 bis 25 m2 Fläche liegen 6 bis 7 Patienten auf schmalen Pritschen; normale Krankenhausbet-ten sind zu gross für diese engen Räume. Der Anblick der überfüllten Krankenzimmer mit einer äusserst dürftigen Ausstattung gibt mir das Gefühl von Hilflosigkeit. Der Bedarf an Unterstützung, an besseren Betten, an einer freundlicheren Ausstattung und vor allem an spitalgerechten, minimal technischen Einrichtungen ist riesengross. Man ist unweigerlich geneigt zu kapitulieren. Wenn ich jedoch die Krankenschwestern und die Pfleger bei ihrer emsigen Tätigkeit sehe, wird mir bewusst, wie normal für sie diese Situation sein muss. Auch die Patienten machen keinen verzweifelten, deprimierten Eindruck. Alle wissen um die Knappheit an allem und scheinen sich dem teilweise schweren Schicksal zu ergeben. 

In diesem Spital werden 200 Patienten täglich gepflegt und verarztet sowie ca. 90 ambulante Behandlungen durchgeführt. Olga erklärt uns einige Regeln, wie das Spital mit den Patienten umzugehen hat. Die zivilen Patienten müssen sich mit einer einzigen Mahlzeit begnügen, das heisst dass das Spital für eine angemessene Verpflegung aufkommen muss, falls nicht die Angehörigen täglich das Essen ins Spital bringen, was in der Ukraine durchaus üblich ist. 
Auf meine nachträgliche schriftliche Anfrage zur Organisation des Spitals, hat mir Olga Grimova bereitwillig und sehr offen geantwortet. Zumal das Spital in Pervomaysk weit und breit das einzige Krankenhaus ist, verfügt es gezwungenermassen über viele medizinische Abteilungen wie: Innere Medizin, Neurologie, Traumatologie, Pädiatrie, Urologie, Gynäkologie, Palliativpflege, Maternität, Intensivstation, Ambulanz und Rehabilitationszentrum. Das Spital arbeitet eng mit dem «National Health Service of Ukraine» zusammen.

Das Spital beschäftigt momentan 313 Personen; dazu gehören 68 Ärzte, 122 Krankenschwestern und Pfleger, 62 Hilfsschwestern, 11 nicht-medizinisches, spezialisiertes Personal, 1 Pharmazeut, 13 technische und 13 administrativ Angestellte, 23 übriges Personal, wie Fahrer, Reinigungskräfte, Personal für die Wäscherei. Es gibt keine Spital Küche, das Kochen für die Patienten ist ausgelagert.
Am nächsten Morgen um 09:01 Uhr, unmittelbar nach der Schweigeminute im Gedenken an die gefallenen Soldaten und die getöteten Zivilisten starten wir zur Rückreise erneut über Poltava und treffen wohlbehalten und spät in der Nacht in Vinnyzja ein.