Jürg Roth
Am 1. Juli 2026 um 01.30 Uhr startet unser Projekt 032 nach Charkiw. Nach langen 11 Stunden erreichen wir die Grossstadt Charkiw bei 300 °C. Die Natur zeigt sich von ihrer besten und schönsten Seite. Intensiv bebaute Felder und unendlich grosse Wälder lassen einem die nahe Kriegsfront fast vergessen. Um Punkt 09:00 Uhr respektieren praktisch alle Menschen die tägliche, kurze Gedenkzeit an die gefallenen Soldaten und die getöteten Zivilisten. In Poltawa wollten wir einen kurzen Halt machen, aber zur selben Zeit war Bombenalarm (TRIVOGA, wie es in der Ukraine heisst) und das Lokal war zugesperrt.
Charkiw ist eine beeindruckende 1.5 Mio.-Stadt mit unzähligen imposanten und architektonisch interessanten Gebäuden, mit riesigen Parks, mit 42 Universitäten und Hochschulen und mit vielen kulturellen Einrichtungen. Charkiw ist auch ein bedeutendes industrielles Zentrum und die unangefochtene Hauptstadt des Nordostens.
Olena Akulitsch, die Leiterin der humanitären Organisation «Heart of Charkiw», bereitet uns mit ihren zahlreichen Helferinnen einen herzlichen Empfang. Bereits warten 20 bis 30 Mütter mit ihren Kleinsten auf das Verteilen der Hilfsgüter, es gibt weder Gedränge und böse Worte, alle warten geduldig in der Mittagshitze. Olena dankt uns für die grosse Hilfe und berichtet von der äusserst schwierigen Situation der Frontstadt Charkiw. Der Dank geht auch an die ULS in der Schweiz, immer wieder werde ich gebeten, den Dank an meine Freunde in der Schweiz weiterzuleiten. Olena überreicht mir eine Dankesurkunde sowie eine riesige Charkiw Torte. Olga erhält einen grossen Blumenstrauss.
Anschliessend werden die Hilfsgüter zusammen mit den lokalen Helferinnen zur Verteilung bereitgemacht. Aus Sicherheitsgründen hat Olena nicht alle 200 Mütter mit ihren Kleinkindern gleichzeitig aufgeboten; in dieser Stadt heulen die Alarmsirenen ständig und die Drohnen und Gleitbomben bilden eine stete Gefahr für die Bevölkerung. Das Gebäude in dem «Heart of Charkiw» untergebracht ist, weist zahlreiche Bombenschäden auf. Olena berichtet mir, dass im April dieses Jahres die Region massiv unter Beschuss geriet. Einige Türen und Fenster sind provisorisch geflickt worden, an eine definitive Reparatur denkt niemand, solange der Krieg weiter tobt. Charkiw, als typische Grenzstadt, ist in diesem Krieg besonders gefährdet; die russische Grenze liegt kaum 35 km entfernt.
In dieser angespannten Lage ist es wohltuend, in viele lachende, unbesorgte Kindergesichter zu schauen. Andererseits mache ich mir Sorgen um die Zukunft dieser jungen Menschen. In was für eine Welt werden sie aufwachsen? Können Russen und Ukrainer je in Frieden nebeneinander leben? Ich habe meine Zweifel.
Kurz nach 16:00 Uhr verabschieden wir uns; die nächste Gruppe von Frauen mit Kleinkindern wird erst am kommenden Tag erwartet. Aus Sicherheitsgründen hat Olena ein gestaffeltes Erscheinen angeordnet. Wir waren auf der Rückfahrt kaum 10 Minuten unterwegs, aber immer noch in der Stadt, als uns Olena anruft und uns wissen lässt, dass soeben zwei Gleitbomben nahe ihrer Einrichtung explodierten. Sie war froh und dankbar, dass wir bereits unterwegs waren, und wünschte uns nochmals gute und sichere Heimreise. Jetzt wird mir wieder bewusst, dass sich ein "Adieu" in diesem Land schnell zu einem definitiven Abschied wandeln kann. Wir fahren zurück über Poltawa und kommen um ca. 19 Uhr im Hotel an, das Olga vorausschauend für uns reserviert hat. Am nächsten Tag treffen wir wohlbehalten um 16:00 Uhr in Vinnytsa ein. Sasha unser bester Fahrer hat uns wiederum sicher durch die über 1400 km lange Strecke bei grosser Hitze sicher ans Ziel gebracht.